Träge Diskussion nach Dokumentarfilm zu NeonazisRegisseur Thomas Heise bemüht sich vergebens um Austausch mit Zehntklässlern des Francisceums

Verfasst von Paul Schulz (Volksstimme) am 28.09.2019

Von Paul Schulz Zerbst
Der Film in der Aula des Francisceums ist vorbei. Dort, wo eben noch die Bilder des Dokumentarfilms “Stau – Jetzt geht’s los” über die Leinwand flimmerten, steht nun der Regisseur Thomas Heise. Im Rahmen des Projektes “Kunstwelten – Reisebilder” hat er den Zehntklässlern des Gymnasiums seinen Film aus dem Jahr 1992 gezeigt, der sich mit dem Leben junger Neonazis in Halle- Neustadt auseinandersetzt.

Die Schüler blicken nach vorne, Heise erwidert ihre Blicke. Es ist still. “Habt ihr Fragen oder Anmerkungen?”, will der Berliner Filmemacher wissen. Es bleibt still. Die Neonazi-Dokumentation regt die Francisceer zu keiner Diskussion an.

Nur verhalten werden Fragen an den Regisseur gestellt, unter anderem von Lehrern. Eine Schülerin erklärt schließlich: “Das Schweigen des Jahrgangs ist nicht gegen Sie oder den Film gerichtet. Wir sind zu dem Thema einfach noch nicht aufgeklärt.” Darauf antwortet Heise sofort mit: “Dann müsst ihr Fragen stellen!”

Eigenständiges Denken

Eine der Zehntklässlerinnen stellt dann doch eine Frage. “Was wollen Sie uns mit dem Film mitteilen?”, will das Mädchen wissen. “Es gibt keine Lehre. Von Botschaften halte ich nichts. Der Film soll zum eigenständigen Nachdenken anregen”, entgegnet Heise.

An das Thema des Films angelehnt, spricht Thomas Heise den NSU – den Nationalsozialistischen Untergrund – an, muss jedoch feststellen, dass ein Großteil der Schüler gar nichts mit dem Begriff anzufangen weiß. Eine rechte Terrorgruppe? Der langjährige Prozess gegen Beate Zschäpe und Co.? Nichts. Heises Empfehlung an die Schüler: “Das würde ich mal googlen.” Zudem legt er den Schülern nahe, sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) zu informieren. Zahlreiche interessante Filme und Informationen stünden dort bereit. Die Reaktion einiger Schüler: Lachen.

Auf Nachfrage der Volksstimme sagt der Regisseur, dass er es absurd findet, dass der Begriff “NSU” nichts bei den Schülern ausgelöst hat. Für zu jung hält er die Zehntklässler zumindest nicht, um sich mit derartigen Themen auseinanderzusetzen.

Widersprüchliche Aussagen

Immerhin ein Schüler hat nach der Filmvorführung noch ein Gespräch mit dem Gast aus Berlin gesucht. Der 15-jährige Heinrich Lüder. Ihn habe beim Film überrascht, dass sich die porträtierten Neonazis mitunter gegenseitig widersprochen haben, obwohl sie ja alle Teil der rechten Szene sind. “Das zeigt, dass auch unter den Rechten verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Ansichten sind. Jeder ist ein Individuum, und man kann eben nicht alle über einen Kamm scheren”, so der Schüler. Für ihn sei das eine der Kernaussagen des Films.

Regisseur Heise ist von den Reaktionen der Schüler indes nicht überrascht. “Das ist normal”, winkt er ab. Auch wenn sich keine Diskussion ergeben hat, so hofft er dennoch, dass bei den Schülern etwas “hängen geblieben” ist. Dass sie sich gedanklich mit dem Film und den darin behandelten Themen beschäftigen.

Wer sich ebenfalls den Film von Thomas Heise ansehen möchte, der findet ihn im Internet unter www. bpb.de in der Mediathek.



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